Humor
Tagebuch eines Kleinaktionärs:
Tagebuch eines Kleinaktionärs - Ein Rückblick von
Matthias Iken
2. Januar:
Vorbei, endlich ist dieses Horrorjahr 2001 vorbei. Der Dax von 6300 auf 5150
Punkte gefallen, der Neue Markt sogar von 2500 auf
1100 Punkte. Aber alles halb so schlimm! Seit Ende September sind die Börsen in
einer anhaltenden Aufwärtsbewegung. Man darf sich eben nicht beirren lassen.
Gut, dass ich durchgehalten habe. Von Ferne grüßt schon die Gewinnzone. Ich
denke, es wird ein gutes Jahr.
4. Januar:
Na, das lässt sich doch gut an: Von 5160 auf 5320 Punkten in drei Handelstagen.
Genau der Januar-Effekt, auf den ich gesetzthabe. ich schätze, die 6000 Punkte
schaffen wir mit links.
10. Januar:
Das neue Jahr macht wirklich da weiter, wo das letzte aufgehört hatte.
Erst gestern habe ich meinen Freunden Neue-Markt-Titel ans Herz gelegt. Super
Wachstumsunternehmen zu Aldi-Preisen. Allein seit Jahresanfang schon zehn
Prozent Plus. Hurra, die Techs sind wieder da!
16. Januar:
Der Dax ist unter die 5000 Punkte-Marke gefallen. Jetzt heißt es Ruhe bewahren.
Das sind nur Gewinnmitnahmen, das kenn ich schon. Wer clever ist, kauft jetzt
nach.
24. Januar:
Der US-Notenbankchef ist optimistisch. Es gibt Anzeichen dafür, dass die
Wirtschaftsaktivität allmählich wieder anzieht, sagt Greenspan. Wenn einer
weiß, wos langgeht, dann er. Ich habe ein verdammt gutes Gefühl. Vielleicht
sind sogar 7000 Punkte drin.
5. Februar:
Verdammt. Geht das schon wieder los? Der Dax schon deutlich unter 5000 Punkten
und dass nur, weil die Amis faule Bilanztricks machen. Was haben wir damit zu
tun? Gar nichts! Aber die ängstlichen Deutschen verkaufen natürlich. Wie gut,
dass ich nicht so ein Warmduscher und Sofortverkäufer bin. Sollen die Leute doch
ihr Geld wieder aufs Sparbuch tragen.
1. März:
Hatte ich es nicht gesagt? Der Dax zurück im Höhenrausch er steigt wie in der
guten alten Zeit. Vor einer Woche hatten wir noch kümmerlich 4745 Punkte, heute
sind wir durch die Marke von 5100 Zähler gebrochen. Der Aufschwung kommt. Und
endlich begreifen die Anleger, warum Aktien jetzt alles schlagen werden.
5. März:
Heute kommen auch die Experten drauf, was ich schon lange wusste: Der Bär ist
erlegt, zitiert meine Lieblingszeitung. Der Bärenmarkt ist vorbei, ich greife
den Bullen an die Hörner. Und los gehts.
10. März:
Der Neue Markt hat Geburtstag. Komisch, dass es hier noch nicht so recht brummen
mag. Aber wer ausharrt, wird gekrönt. Und wir haben endlich wieder einen
Börsengang. Repower kommt dann dreht auch der Wind bei den Technikwerten.
Immerhin sagen Experten bis Jahresende ein Plus von 35 Prozent voraus.
19. März:
Der Dax geht durch die Decke: 5462 Punkte. Mal eben locker 15 Prozent binnen
vier Wochen gemacht. Und Freunde, das war erst der Anfang. Sogar die
Charttechniker haben erkannt, dass der Bärenmarkt vorbei ist. Wer jetzt nicht
einsteigt, bleibt noch lange arm. Ich bin klüger: Habe von meiner Direktbank
einen hübschen Wertpapierkredit zu tollen Konditionen gekriegt. Erst gestern
habe ich wieder einen verheißungsvollen Tipp im Internet-Chat aufgetan.
16. April:
Schade, an der Börse ist etwas Ruhe eingekehrt. Aber wir stabilisieren uns auf
hohem Niveau. Und die Seitwärtsbewegung ist durchaus gesund, das weiß man doch.
Wir sammeln neue Kraft und von da an kann es kräftig aufwärts gehen.
30. April:
Das verstehe, wer will! Die US-Wirtschaft wächst um 5,8 Prozent im Quartal, die
Unternehmenszahlen lagen im erwarteten Bereich und trotzdem rutschen Dow und
Dax. Was soll das? Angeblich sind die Bilanzierungsskandale schuld. Aber ich
investiere ja nicht in die Enrons dieser Welt, sondern in Substanzwerte wie
Allianz.
11. Mai:
Verkehrte Welt. Die Konjunktur erholt sich. Und eben hat ein Analyst gesagt, der
Dax steigt noch dieses Jahr auf 5500 Punkte. Und was machen die Hasenfüße? Sie
verkaufen. Bange machen lassen gilt nicht. Ich habe keinen Kredit aufgenommen,
um ein Minus zu machen
5. Juni:
Der Dax ist nur noch bei 4600 Punkten Die Amis machen unsere schöne Hausse
kaputt!. Schon wieder Bilanzskandale. Findet das denn gar kein Ende? Und gerade
jetzt, wo der Juni kommt. War doch eigentlich immer ein guter Börsenmonat.
Vielleicht sollte ich mir ein paar Stücke dazukaufen.
21. Juni:
Jetzt drehen die Börsianer endgültig durch: 4200 Punkte sind es gerade noch, SAP
unter 100, Allianz unter 200 Euro. Verrückt. Das ist völlig übertrieben! So ein
rascher Absturz schreit geradezu nach einer Gegenbewegung. Wer bei diesen Kursen
nicht einsteigt, hat selber Schuld. Vielleicht sollte ich mir Optionsscheine ins
Depot legen. So habe ich das Minus schnell ausgeglichen.
1. Juli:
Na, bitte. Der Dax legt wieder zu und meinen Optionsscheinen kann man beim
Steigen geradezu zuschauen! Hallo ihr da, immer hübsch weiter wandern. Und
linkszwodrei... Entschuldigung, ich werde albern. Aber es sieht einfach toll
aus: Die Analysten sind sich auch sicher. 5000 Punkte zum Jahresende sind locker
drin. Wie gut, dass meine Optionsscheine eine lange Laufzeit haben. Man sollte
ja nicht leichtsinnig werden.
17. Juli:
Endlich kommt die Sommerrallye. Allein die Telekom hat heute 13 Prozent
zugelegt.
22. Juli:
Hoffentlich habe ich mich nicht zu früh gefreut. Worldcom ist pleite, und mir
geht es bald auch nicht mehr anders. Gott sei Dank sind das nur Buchverluste
bald muss es einfach aufwärts gehen. Der Dax ist inzwischen mit 3500 Punkten so
tief gefallen wie nach dem 11. September 2001. Sind denn alle wahnsinnig
geworden? Das sind Kaufkurse. Ich krame das letzte Geld zusammen.
6. August:
Was für ein Tag. Heute morgen wollte ich noch hinschmeißen. 3235 Punkte am
Vormittag. Mein Depot: Alles rot! Und jetzt der fulminante Dreher. Mal eben
locker 400 Punkte zugelegt. Das ist die Trendwende.
21. August:
Der Sommer wird zum Börsensommer. 3800 Punkte haben wir schon. Dieses Jahr
müssen wir uns vor dem Herbst nicht fürchten. Wie gut, dass ich voll investiert
bin.
2. September:
Irak, Irak, Irak. Man hört gar nichts anderes mehr. Ich habe Unternehmenspapiere
und keine Politdossiers gekauft. Aber die Börsianer gucken nicht mehr in
Bilanzen, sondern nach Bagdad, nicht über den Tellerrand, sondern nach Texas.
Ich hätte gut Lust, diesem Cowboy dort drüben meinen Depotauszug samt Rechnung
zu schicken. Jetzt sind wir unter 3400 Punkten.
20. September:
Na, toll. Und immer feste druff. Warum auch nicht? 2900 Punkte reichen doch
völlig aus... Das einzige, was von meinem Depot bleibt, ist Zynismus pur. Tolle
Idee, einen Optionsschein zu kaufen und auf einen steigenden Dax zu setzen. Die
ganzen Papiere sind wertlos ausgebucht worden. Was soll ich jetzt noch den Rest
verkaufen ich bin doch sowieso ruiniert.
9. Oktober:
Der Dax fällt wie ein Stein. Noch 2597 Zähler ich kann mich gar nicht
erinnern, ob er schon jemals so niedrig war. Ich weiß nur eins: Ich bin
ruiniert. Eben habe ich im Büro einen Weinkrampf bekommen die Kollegen mit den
Bundesschatzbriefen gucken ganz komisch und versuchen mich zu trösten. Es gibt
keinen Trost. Es gibt nur noch eins: Verkaufen. Von den paar Euro kann ich mich
besaufen. Und dann ist für mich das Thema durch ein für alle mal.
12. Oktober:
Ich habe es geschafft. Alle Aktien sind weg, die Auszüge habe ich gleich
weggeworfen, und die Börse ist mir nun völlig egal. Die Nachrichten zappe ich
gleich weg.
16. Oktober:
Prima, seit einer Woche clean das ist ja leichter, als mit dem Rauchen
aufzuhören. Und Geld macht sowieso nicht glücklich. Ich bin frei.
2. November:
Bin heute zufällig in der U-Bahn in der Zeitung meines Nachbarn hängen
geblieben. Der Dax ist schon wieder auf 3200 Punkte gestiegen. Aber mich bekommt
ihr nicht mehr.
4. November:
Jetzt sind es schon 3400 Punkte. Sollte ich nicht vielleicht ein bisschen, nur
ein Paar Stücke, ganz solide Werte, langfristig investieren? Nein, jetzt muss
ich stark bleiben.
22. November:
Ich habe ein Geständnis zu machen. Ich habe es wieder getan. Aber nicht viel und
nur eine. Ich investiere jetzt ganz anders. Überlegt, ausgeruht, und mit kleinen
Beträgen. Der Dax sieht gut aus es dürfte die gleiche Jahresendrallye geben
wie im letzten Jahr.
19. Dezember:
Weihnachten fällt aus der Dax wieder unter 3000 Punkten. Die Wachstumsprognose
schon wieder gesenkt, die Industrieproduktion geht zurück. Ich gebe es auf.. Aus
mir wird nie ein Aktienprofi. Ach wäre ich doch beim Sparbuch geblieben...
23. Dezember:
Wird noch mal alles gut? Die Analysten meinen, im nächsten Jahr laufen wir bis
4200 Punkte. Allein mir fehlt der Glaube. Eine Krise ist auch eine Chance, hat
eben ein Händler erzählt. Der Absturz der Märkte habe Investoren sensibilisiert.
Vermutlich hat er sich versprochen und meinte ruiniert. Aber wer weiß.
Vielleicht wird 2003 ja doch ein gutes Jahr...
Artikel erschienen am 27. Dez 2002
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